Fisch und Vogel predigen
Tiere in der Bibel - Bote oder Beute?

Bildbetrachtung zu Giotto:
"Franziskus predigt den Vögeln"
Giotto: Traum Innozenz III. Franziskus, der Heilige, so ist überliefert, predigte den Vögeln. "Ihr Schwalben, meine Schwestern, es ist jetzt Zeit, dass ich spreche; ihr habt genug geredet. Hört das Wort des Herrn und seid still und verhaltet euch ruhig, bis die Predigt vorüber ist!" Der berühmteste Bruder im Orden des Franz von Assisi, Antonius von Padua, wird es ihm ähnlich tun. Er predigt den Fischen. Und Martin Luther wird zitiert mit den Worten: "Darumb, wenn du eine Nachtigal hörest / so hörestu den feinesten Prediger."
Fisch und Vogel: Selber Prediger oder Adressat christlicher Gelehrtheit oder bloß gejagt und abgeschossen, herausgefischt und ausgenommen oder? Schauen wir, ob in der Bibel Vogel und Fisch uns etwas zu sagen haben.

In der Schweiz sind Fisch und Vogel beziehungsweise ihr Gegensatz ein geflügeltes Wort; im übrigen deutschsprachigen Raum heißt es dagegen: weder Fisch noch Fleisch. Tatsächlich aber gehören Fisch und Vogel für die Bibel eng zusammen. Sie sind nach den Pflanzen die zuerst erschaffenen Lebewesen, bilden das fünfte Tagewerk Gottes. Sie bevölkern jenseits des menschlichen Lebensraumes  - der Erde -  Himmel und Meer. Die ersten besonders erwähnten Vögel der Bibel sind Rabe und Taube, die Noah aus der Arche entlässt  -  indes die Fische die einzigen waren, die nicht vor der Flut gerettet werden mussten.

Der Fisch taucht in weiten Teilen des Alten Testamentes unter. Einmal bloß, in der Jona-Novelle, spielt er eine besondere Rolle. Da liegt ihm der gleichnamige Prophet schwer auf dem Magen, und der große Fisch spuckt ihn effektvoll aus. (...)

Sprichwörtlich geworden ist der Sündenbock aus dem dritten Mosebuch, Levitikus, Kapitel 16. Ähnlich wie die Opferung der Böcke ist die Zeremonie bei geheiltem Aussatz: Ein Vogel wird geopfert, der andere entfliegt in die Freiheit (Levitikus / 3. Mose, Kapitel 14). Wegfliegen: Das Symbol, davongekommen zu sein. Aber der Vogel, speziell die Taube, ist nicht nur Opfertier: Gottes heilige Geistkraft wird im Neuen Testament schon bei der Taufe Jesu symbolisiert durch die Taube, in anderen Religionen Vogel der Liebesgöttin.
Der Fisch bleibt im Neuen Testament zunächst Nahrungsmittel, tausende werden beim Speisungswunder mit zwei Fischen und fünf Broten ernährt. Nachbiblisch hat es der Fisch dann immerhin zum frühchristlichen Geheimsymbol, zum Erkennungszeichen der im Römischen Reich verfolgten Christen geschafft.
Im Neuen Testament sprechen keine Tiere mehr, und doch haben sie Wichtiges zu sagen. Der dreimal krähende Hahn lässt Petrus seinen Verrat gewahr werden, und laut Bergpredigt lehren uns die Vögel des Himmels etwas mehr Sorglosigkeit auf Erden (Matthäus Kapitel 6, Verse 25 bis 34): Sie säen und ernten nicht, aber der himmlische Vater ernährt sie doch. Ihr fröhlich zwitscherndes Wesen, ihre Freiheitsliebe, ihr lichtes Dasein: Sie lehren den Menschen, nicht alles "tierisch" ernst zu nehmen.

Weise ist, wer sich ansprechen lässt: Von der Natur, seiner Mitwelt  -  aber auch von Büchern wie der Bibel.
Text- und Bildnachweis:
Text: Thomas M. Meier in "Suchen. Und Finden. Das Magazin zur Bibel"

Bild (1): Fresko in der Basilika San Francesco, Assisi. Giotto: "Franziskus predigt den Vögeln"