Auf Vorschlag der Jury wird der von der Deutschen Bischofskonferenz gestiftete katholische Kinder- und Jugendbuchpreis 2002 dem folgendem Buch verliehen:

"Opas Engel" von Jutta Bauer

Der im Krankenhaus liegende, sterbenskranke Großvater erzählt dem Enkel sein Leben. Beide sitzen sie Hand in Hand und der kleine Junge hört von den verschiedenen Abenteuern und Streichen. Am Ende stellt Opa fest: "Ich hatte viel Glück im Leben." Obwohl er sich immer voller Energie in seinen Alltag stürzte undkeiner schwierigen Situation aus dem Weg ging, ist ihm nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Dabei war ihm kein Baum zu hoch, keine Gegend zu einsam und kein See zu tief. Als er erwachsen wurde, kam der Krieg und mit ihm schwere Zeiten voller Hunger und Gewalt. Er hat eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und ist schließlich Großvater geworden. Zufrieden schaut er auf sein Leben zurück.

Der Text ist nur die eine Hälfte des Buches. Jutta Bauer fügt der Geschichte durch ihre Aquarelle eine weitere Dimension hinzu und zeigt eine Wahrheit, die hinter dem Sichtbaren verborgen ist: Von Anfang an kann der Betrachter mitverfolgen, wer schützend seine Hand über den Großvater hält. Aus der steiernen Engelfigur, an der er jeden Morgen achtlos vorbei geht, löst sich ein in Umrissen erkennbarer Schutzengel, der ihn durch alle Stationen des Lebens begleitet. Der Engel wird vom Großvater nicht erwähnt, aber der Leser sieht auf den ersten Blick, was es mit der plötzlich lebendig werdenden Skulptur auf sich hat.

Liebevoll, energisch und immer mit vollem Einsatz ist der Engel zur Stelle, wenn Unheil droht. Er hält den Bus auf, zähmt den bissigen Hund und taucht in den tiefen See. Er lenkt auch den SA-Mann in der Zeit des Nationalsozialismus ab und schützt den jungen Soldaten im Kriegsgraben durch seine Umarmung. Als der Grovater  - vom Engel liebevoll gestreichelt -  am Ende des Buches in Frieden stirbt, folgt der Engel dem kleinen Enkel hinaus in den hellen und warmen Tag. Von nun an wird er ihn schützend begleiten.

Jutta Bauer ist ein Werk gelungen, das sich wohltuend und einfühlsam von anderen Engelbüchern abhebt. Sie hat eine unsentimentale Engelfigur geschaffen, die durch ihre menschlichen Züge zutiefst anrührt. Auch der Engel leidet in den Hungerzeiten, er ist mal müde, erschrocken, manchmal naiv, er kann sogar weinen, ist aber immer voller Herzenswärme und einer unendlichen Liebe zu den Menschen. Dieser Engel erweckt Vertrauen und vermittelt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine transzendentale Dimension: Gott behütet den Menschen. Der Leser wird bei der Lektüre ein wenig hoffnungsvoller. Vielleicht kann er sogar gläubiger auf sein eigenes Leben schauen und mit Neugier und Zuversicht daruf warten, was es noch alles bringen wird.
Witzig, liebevoll und zeichnerisch hervorragend geht Jutta Bauer auch auf das Thema "Vertrauen" ein. Das Buch ist zeitgemäß und nicht idyllisierend. Es spart historische Momente wie die Nazizeit nicht aus. Trotz der Krankheit und dem Tod des Großvaters hält sich bis zum Schluss der Geschichte eine optimistische Grundstimmung. Das ausgezeichnete Werk bezieht seinen Reiz aus der Spannung zwischen Bild und Text. Letzterer tritt so weit in den Hintergrund, dass viel Fantasie für das Erzählen von Großvaters erlebnisreichem Leben bleibt. Beispielhaft wird mit "Opas Engel" eine religiöse Erfahrung vermittelt: Der Großvater auf dem Sterbebett ist von einer unausgesprochenen Heilsgewissheit getragen, die er oberflächlich "Glück" nennt, die Jutta Bauer jedoch in Form eines das Menschenleben begleitenden Engels darstellt.
Jutta Bauer: "Opas Engel"
Ab vier Jahren für jedes Alter.
Hamburg, Carlsen Verlag, 2001
48 Seiten, 11,00 Euro
ISBN 3-551-51543-3
Die Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises hat darüber hinaus in 2002 folgende Werke als besonders empfehlenswert ermittelt:
Albert Biesinger und Thomas Hessler: "Gott mit neuen Augen sehen"
Robert Cormier: "Heroes"
Katy Couprie und Antonin Louchard: "Die ganze Welt"
Henri van Daele: "Der dicke Idde"
Reiner Engelmann und Urs M. Fiechtner (Hg): "Aller Menschen Würde"
Monika Feth: "Das blaue Mädchen"
Sabine Herholz: "Wir schaun uns um in Gottes Haus"
Leo Linder: "Das stürmische Mädchen"
Isabel Pin: "Der Kern"
Mirjam Pressler: "Malka Mai"
Jutta Richter: "Hinter dem Bahnhof liegt das Meer"
Miriam Feinberg Vamosh: "Land und Leute zur Zeit Jesu"
Ingrid Weixelbaumer: "Der sprechende Weihnachtsbaum"
Oscar Wilde: "Der selbstsüchtige Riese"
  Träger des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises der Deutschen Bischofskonferenz
1979 Else Breen: "Warte nicht auf einen Engel"
  Kurt Hock: "Telat sucht den Regenbogen"
1981 Lene Mayer-Skumanz: "Geschichten vom Bruder Franz"
  Willi Fährmann: "Der lange Weg des Lukas B."
1983 Max Bolliger: "Euer Bruder Franz"
1985 Käthe Recheis: "Die Stimme des Donnervogels"
  Regine Schindler: " ... und Sara lacht"
1987 Anatol Feid: "Keine Angst, Maria"
  Otfried Preußler: "Der Engel mit der Pudelmütze"
1989 Sonia Levitin: "Heimkehr nach Jerusalem"
1991 Max Bolliger: "Das Buch der Schöpfung"
  Geraldine McCaughrean: "Gabriel und der Meisterspieler"
1993 Maretha Maartens: "Tintenvogel"
1995 Louis und Rascal Joos: "Oregons Reise"
  Peter Dickinson: "Der brennende Dornbusch"
1997 Robert Cormier: "Nur eine Kleinigkeit"
1999 Henning Mankell: "Das Geheimnis des Feuers"
2001 Elisabeth Zöller: "Anna rennt"
2002 Jutta Bauer: "Opas Engel"
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