Auf Vorschlag der Jury wird der von der Deutschen Bischofskonferenz gestiftete katholische Kinder- und Jugendbuchpreis 2001 dem folgendem Buch verliehen:

"Anna rennt" von Elisabeth Zöller

Schauplatz der Geschichte ist eine westfälische Kleinstadt zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bei einer Prügelei auf dem Schulhof ist Helmut, ein Flüchtlingsjunge zu Tode gekommen. Georg, der Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts, hat ihm die tödlichen Tritte versetzt, als er schon schwer verletzt am Boden lag. Anna, die mit Helmut eine schüchterne Freundschaft verband, die aber auch für den durchsetzungsgewohnten Georg schwärmt, ist die einzige, die die Tat gesehen hat. Weil Georg jede Schuld abstreitet, gerät Anna in einen quälenden Gewissenskonflikt: Soll sie schweigen und Georg schützen und damit gleichzeitig gegenüber Helmuts Mutter schuldig werden? Oder soll sie reden und damit Georg schaden? Was ist überhaupt Wahrheit?

Wenn diese Frage besonders quälend wird, rennt Anna gegen ihre Angst und gegen ihr schlechtes Gewissen an. Wenn sie reden will ist niemand da, der ihr zuhört. Das Vorurteil der öffentlichen Meinung ist klar: Den Sohn des Anwalts kann keine Schuld treffen und Flüchtlinge leben ohnehin am Rand der Gesellschaft.

In einem dichten Zeitbild der 1950-er Jahre reißt die Autorin viele Gesichtspunkte an, ohne ihre Erzählung zu überfrachten. Sie schreibt von der schwierigen Integration der Flüchtlinge, vom Leben in erstarrten Konventionen und von den Konflikten, die durch soziale Unterschiede entstehen. Vor allem aber geht es ihr um die Auseinandersetzung mit der Wahrhaftigkeit. In ihrer Not ringt Anna auch mit Gott: Ist es wohl war, dass Gott alles und der Mensch nichts kann?

Die Predigt des Pfarrers am Tag der Beerdigung, die die Geschichte von Kain und Abel zum Inhalt hat, wird für sie zum persönlichen Wendepunkt. Jetzt findet Anna den Mut, Helmuts Mutter alles zu erzählen. Vor Gericht bricht auch Georg zusammen und bekennt weinend seine Schuld. Beide finden die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Deswegen muss Anna jetzt nicht mehr rennen.
Der Autorin gelingt eine packende Geschichte, die über die eindringlich gezeichnete Zeitatmosphäre hinaus beklemmend aktuell ist. Annas Auseinandersetzung mit dem Anspruch ihres Gewissens, mit der Wahrheit, die nur sie kennt, aber auch mit den Urteilen und Vorurteilen ihrer nächsten Umgebung, werden in prägnanter, nuancenreicher Sprache erzählt. Die Erkenntnis, dass Weglaufen nicht hilft, fordert den Leser zur eigenen Stellungnahme heraus. In überzeugender Weise werden hier religiöse Erfahrungen durch ethische Fragen vermittelt und christliche Lebenshaltungen verdeutlicht. Neben der Ermutigung zur Zivilcourage ist das Buch ein Appell gegen das Schweigen und für eine Auseindersetzung mit dem eigenen Gewissen: Die Wahrheit kann das Gewissen befreien.
Elisabeth Zöller: "Anna rennt" (ab 11 Jahren)
Gabriel Verlag, Stuttgart, 2000; ISBN 3-7072-6620-6
Die Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises hat darüber hinaus in 2001 folgende Werke als besonders empfehlenswert ermittelt:
Kerstin Chen: "Der Herr der Kraniche"
Petr Chudozilov: "Das Wunder von Jasina - eine Weihnachtsgeschichte"
Gillian Cross: "Der Traum vom besseren Leben"
Henri van Daele: "Ti"
Jostein Gaarder: "Hallo, ist da jemand?"
Helga Hornung und Alfred Hartl: "Lalu und die Schöpfung"
Rudolf Horn: "Theophil Tschilp und das Geheimnis der Staublinge"
Charlotte Kerner: "Blueprint"
Elisabeth Lemke und Thomas David: "Marc Chagall - Bilder zur Bibel"
Torun Lian: "Es sind die Wolken, die die Sterne bewegen"
William Steig: "Gelb und Rosa"
Ulf Stark: "Als Papa mir das Weltall zeigte"
Oliviero Toscani: "Beten - Gebete von Jugendlichen aus aller Welt"
Lisbeth Zwerger: "Die Bibel"
  Träger des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises der Deutschen Bischofskonferenz
1979 Else Breen: "Warte nicht auf einen Engel"
  Kurt Hock: "Telat sucht den Regenbogen"
1981 Lene Mayer-Skumanz: "Geschichten vom Bruder Franz"
  Willi Fährmann: "Der lange Weg des Lukas B."
1983 Max Bolliger: "Euer Bruder Franz"
1985 Käthe Recheis: "Die Stimme des Donnervogels"
  Regine Schindler: " ... und Sara lacht"
1987 Anatol Feid: "Keine Angst, Maria"
  Otfried Preußler: "Der Engel mit der Pudelmütze"
1989 Sonia Levitin: "Heimkehr nach Jerusalem"
1991 Max Bolliger: "Das Buch der Schöpfung"
  Geraldine McCaughrean: "Gabriel und der Meisterspieler"
1993 Maretha Maartens: "Tintenvogel"
1995 Louis und Rascal Joos: "Oregons Reise"
  Peter Dickinson: "Der brennende Dornbusch"
1997 Robert Cormier: "Nur eine Kleinigkeit"
1999 Henning Mankell: "Das Geheimnis des Feuers"
2001 Elisabeth Zöller: "Anna rennt"
Die hier genannten Titel können Sie - wie alle verlagsseitig lieferbaren Bücher - in allen katholischen öffentlichen Büchereien bestellen. Mit jeder Bestellung fördern Sie Ihre örtliche Pfarrbücherei!